Planmäßige Rückkehr aus Kabul mit dem kleinen Abdul RashedPlanmäßige Rückkehr aus Kabul mit dem kleinen Abdul Rashed und erfolgreicher Verlauf der Operation im Johannes Wesling Klinikum Minden
Pünktlich um 14.20 Uhr setzte am Montag, den 31. Mai die Maschine der afghanischen Fluglinie Safi Air in Frankfurt auf und wir kehrten von unserem aktuellen Einsatz zurück. Die Tage in Kabul waren dieses Mal besonders eindrucksvoll, denn die Stadt bereitete sich auf die am 2. Juni begonnene Friedens-Dschirga vor, zu der mehr als 1.600 Stammesführer und Gesandte aus dem ganzen Land zusammengekommen sind. So waren mehr Sicherheitskräfte denn je in der Stadt, umfangreiche Absperrungen behinderten so gut wie alles und die Menge der kreisenden Hubschrauber war unzählbar. Das übliche Verkehrschaos, das normal für Kabul ist, hatte sich vervielfacht. Dies spürten wir vor allem, als wir am Montag erhebliche Probleme hatten, mit der Kabul Ambulanz von unserem Kinderkrankenhaus im Stadtteil Ali Abad zum Flughafen zu gelangen. Nach gut der dreifachen Zeit wie sonst, gelang es aber dennoch und wir waren sehr von der Fahrweise des afghanischen Fahrers unseres Krankenwagens beeindruckt.
Drei Kinder konnten wir nach erfolgreicher Behandlung in Deutschland wohlbehalten und gesund an ihre Familien in Kabul und Ghazni übergeben. Insbesondere für unsere kleine Azizah, die wir gut ein Jahr im Klinikum Minden wegen eines Hirntumors behandelt haben, war es ein sehr aufregendes Wiedersehen. Ihre Krankengeschichte bewegte nicht nur das ganze Klinikum Minden, sondern auch unser Kabuler Kinderkrankenhaus nahm während des ganzen Jahres tiefen Anteil an ihrem Schicksal, sodass uns ein eindrucksvoller Empfangsbahnhof bereitet wurde. Am nächsten Tag wurden wir von Azizah`s Familie eingeladen. Sie leben etwas außerhalb von Kabul an einem steinigen und steilen Berg, in einem typischen afghanischen Lehmhaus. Hier kommen Ausländer aufgrund der Sicherheitslage normalerweise nicht hin, und so war der Empfang für uns überwältigend. Ich habe selten eine solch tiefe Herzlichkeit und Dankbarkeit erlebt. Gerade diese Erfahrungen zeigen uns deutlich, welche verbindende und menschliche Dimension unsere Arbeit hat. Sie geben uns Motivation und Kraft, diesen Weg konsequent weiter zu gehen.
Auf dem Rückflug nahmen wir, wie geplant, den 4-jährigen Abdul Rashed mit nach Deutschland. Er leidet ebenfalls an einem Hirntumor (Medulloblastom). Nachdem bereits am 20.5. eine Notoperation im FMIC durch unsere afghanischen Kollegen zur Entlastung des Hirndruckes vorgenommen wurde, bereiteten wir ihn während der Tage unseres Aufenthaltes intensiv auf den langen und schweren Transport in einem Linienflugzeug vor. Neben der dafür notwendigen medizinischen Stabilisierung bedeutete dies lange Gespräche mit der Familie, eine umfangreiche Aufklärung über alle möglichen Risiken der Behandlung und letztlich auch die Trennung des Kindes von seinen Eltern für voraussichtlich gut ein Jahr. Es ist immer wieder beeindruckend, wie viel Vertrauen uns vorn den Familien entgegengebracht wird und wir werden alles tun, dieses Vertrauen zu rechtfertigen.
Nachdem wir die etwas chaotische Fahrt mit einem Fahrzeug der Kabuler Ambulanz von unserem Kinderkrankenhaus zum Flughafen bewältigt hatten, verlief der Flug über gut 6.000 km nach Deutschland, unter intensivmedizinischen Bedingungen, ohne wesentliche Probleme. Hier bin ich meinen beiden Krankenschwestern, Ella Sudermann und Saskia Rauxloh aus dem Klinikum Minden, für ihre Begleitung auf diesem Einsatz sehr, sehr dankbar. Ohne sie wäre es nicht zu schaffen gewesen. Ein tolles Team. Ebenfalls ein herzliches Dankeschön möchte ich an dieser Stelle an die gesamte Crew des Airbus 340 von Safi Air senden. Ohne ihre engagierte Betreuung unseres Teams, aber vor allem die umfangreiche Unterstützung beim Einchecken in Kabul, wären wir nicht so gut in Frankfurt gelandet.
Ebenfalls problemlos gelang die Verlegung des kleinen Jungen vom Frankfurter Flughafen mit einem schon bei Ankunft auf uns wartenden Notarztwagen in das Mindener Klinikum. Unsere Freunde vom DRK Hamburg – Harburg stellten uns das Fahrzeug incl. Besatzung wieder kostenlos zur Verfügung. Herzlichen Dank dafür an sie.
Schon am nächsten morgen, den 1.6., wurde Abdul durch unseren Mindener Kollegen PD Dr. Knappe, Chefarzt der Klinik für Neurochirurgie, operiert. In einer sehr langen und schweren Operation gelang es ihm und seinem Team, den Tumor komplett zu entfernen. Abdul war während der gesamten Operation stabil und wurde am späten Abend nach Abschluss der Operation auf die Kinderintensivstation des Klinikums verlegt. Hier wird er nun einige Tage bleiben. Mittlerweile kann er wieder selbstständig atmen und die künstliche Beatmung konnte beendet werden. Wir hoffen sehr, dass sich sein Zustand weiter gut stabilisiert und er diese erste entscheidende Phase seiner Behandlung rasch übersteht. Natürlich befindet er sich noch immer in einem kritischen Bereich, wir sind aber sehr zuversichtlich, dass alles weiter so gut geht wie bisher. Ganz herzlichen Dank an Herrn PD Dr. Knappe und sein hervorragendes Team. Sie leisten exzellente fachliche Arbeit und engagieren sich darüber hinaus mit vollem Herzen. Einen besseren Partner können wir uns nicht wünschen.
Nach Abschluss dieser ersten operativen Behandlungsphase von Abdul wird sich eine sehr lange und aufwendige Chemotherapie anschließen. Diese wird ebenfalls im Klinikum Minden durchgeführt. Die Kinderonkologen Herr PD Dr. Erdlenbruch, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin sowie seine Oberärztin Frau Dr. Rose werden, wie bei der kleinen Azizah, hierfür verantwortlich sein. So bedanken wir uns schon jetzt bei diesen Kollegen und Kolleginnen, aber auch bei allen anderen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen des Mindener Klinikums, die sich in so großartiger Weise für das Wohl dieser kleinen Patienten einsetzen.
Soweit diese Informationen vom Verlauf unseres aktuellen Einsatzes und den Zustand des kleinen Abdul. Ich hoffe, Ihnen mit diesem Bericht einen kleinen Einblick in die Ereignisse der letzten Tage gegeben zu haben.
Haben Sie vielen Dank für Ihre Zeit. Ich grüße Sie alle herzlich.
Ihr
|