Nach erstem Einsatz im neuen Jahr zurück aus Kabul

Der Flug über das tiefverschneite Koh-e Qrough-Gebirge, dessen atemberaubende Schönheit bei herrlichem Sonnenwetter so richtig zum Strahlen kommt, lässt beinahe vergessen, wie viele Probleme Afghanistan hat. Es ist bitter kalt in Kabul. Die Temperaturen gehen nachts bis unter -20 °, überall sieht man offene Feuer auf den Straßen, an denen sich die Menschen wärmen. Wie viele, vor allem Alte und Kinder, täglich in Kabul erfrieren, ist nicht bekannt, Schätzungen sprechen von einigen Dutzenden in jeder Nacht. Noch schlimmer ist die Situation in vielen Provinzen, die durch das Winterwetter derzeit komplett von allen Zufahrtswegen abgeschnitten sind.
Im Mittelpunkt dieses ersten diesjährigen Einsatzes in das FMIC stand die Fortführung unseres Ausbildungsprogramms der afghanischen Kollegen in dem Department für Anästhesie und Intensivmedizin. Ein fast schon historischer Einsatz, denn erstmals gibt es nun die Möglichkeit, dass eine der gefürchtetsten und schlimmsten Narkosezwischenfälle, die sogenannte Maligne Hyperthermie, im FMIC behandelbar ist.
Für die Behandlung dieser schweren Komplikation, die während einer Vollnarkose in einer Häufigkeit von bis zu 1 : 5.000 Patienten auftreten kann, benötigt man ein sehr teures, hochpotentes Medikament, das Dantrolen. In Deutschland (und vielen anderen Ländern) ist es Vorschrift, dass dieses Medikament in jeder Anästhesieabteilung in ausreichender Menge vorgehalten werden muss, denn es ist die einzige Therapieoption, die das Überleben im Ernstfall sichert.
In armen Ländern wie Afghanistan, in denen die Inzidenz dieser Erkrankung, genetisch bedingt, höher ist als in Europa, gibt es diese Sicherheitsstandards nicht. Mit der Einführung des Dantrolens, der Schulung und kontinuierlichen Begleitung unserer afghanischen Kollegen ist unser Kinderkrankenhaus nun das erste Krankenhaus in ganz Afghanistan, in dem dieser, in unserer Welt üblicher, Sicherheitsstandard vorhanden ist.
Es macht uns (durchaus) stolz und unendlich dankbar, zu erleben, wie unsere jungen afghanischen Kollegen der Anästhesie und Intensivstation hoch motiviert und engagiert diese Fortschritte aufnehmen und im klinischen Alltag umsetzen. Es zeigt uns, dass dieser Weg der Ausbildung als Hilfe zur Selbsthilfe richtig und erfolgreich ist. Danke an unsere Spender und Sponsoren, die es uns ermöglicht haben, diese teure, aber lebenserhaltene Therapiemöglichkeit nun endlich auch im OP des FMIC einführen zu können.
Neben diesem wichtigen Ausbildungsprogramm stand, wie immer, die alltägliche Unterstützung auf der Intensivstation sowie im OP auf der Tagesordnung. Ganz alltäglich war es dieses Mal allerdings nicht, denn Vierlinge waren unsere Patienten. Mit Geburtsgewichten um 1000 gr. wurden sie, nach üblicher Hausgeburt, vom Vater ins FMIC gebracht. Alle staunten nicht schlecht, denn auch in Afghanistan ist dies eine absolut seltenes Ereignis. Nach anfänglich sehr kritischen Tagen geht es den Vieren mittlerweile recht gut, sie entwickeln sich langsam, aber stetig und werden ohne Defizite in das Leben starten können. Wir haben uns zwar entschieden, über dieses Ereignis (kurz) zu berichten, aber zum Persönlichkeitsschutz der Kinder und der Familie haben wir keine Fotos von den kleinen Winzlingen mitgebracht.
Freude und Leid lagen bei diesem Einsatz, wie so oft, dicht beieinander. Noch Anfang Dezember konnten wir berichten, dass es unserem Schützling Azizah, die wir 2009/2010 wegen eines Hirntumors für ein Jahr in der Behandlung unseres Partnerkrankenhauses in Minden hatten, gut geht. Nun sahen wir sie wieder. Tage vorher kam ihr Vater mit ihr wegen Erbrechens und Kopfschmerzen in die Sprechstunde. Wir ahnten gleich schlimmes und der Verdacht bestätigte sich mit den CT - Bildern ihres Kopfes: Der Tumor, in der hinteren Schädelgrube, ist zurückgekommen, ein großes Rezidiv füllt bereits die alte
Operationshöhle wieder aus. Nach ausführlichen Konferenzen mit unseren Kollegen in Minden, Prof. Erdlenbruch und PD Dr. Knappe mussten wir erkennen, dass eine weitere Behandlung keine Aussicht auf Erfolg hat und eine erneute Verlegung nach Deutschland, nach Abwägung aller möglichen Gesichtspunkte, daher keinen Sinn mehr macht. Eine schwere und harte Entscheidung, letztlich aber die Einzige, die getroffen werden konnte. Es bleibt uns nur, diese kleine Maus und ihre Familie auf dem letzten Weg ihrer schlimmen Erkrankung zu begleiten und Azizah schmerzfrei zu halten. Dies geschieht durch unsere Kollegen vor Ort. Auch dies ist ein Teil unserer Arbeit, wenngleich er mit zu den schwersten zählt und uns selber jedes Mal wieder betroffen macht.
Ebenfalls gesehen haben wir unseren zweiten Schützling, den wir im letzten Jahr in Minden behandelten. Jobair, auch er mit einem (leider ebenfalls bösartigen) Hirntumor. Ihm geht es gut, regelmäßig kommt er in unsere Nachsorgesprechstunde. Voller Freude nahm er ein Päckchen seiner deutschen Gastfamilie in Empfang, mit der immer noch ein sehr herzlicher und enger Kontakt besteht. Auch versteht er immer noch Deutsch und sowohl Jobair als auch sein Vater möchten, dass es so bleibt. Über unseren Kooperationspartner, das Kabuler Goethe – Institut, werden wir versuchen, einen Privatlehrer zu organisieren, der Jobair einmal in der Woche besuchen wird und weiterhin mit ihm Deutsch spricht. Besser kann man keine Brücken zwischen den Kulturen, zwischen Menschen, bauen. Kinder machen es uns einfach vor.
So war es ein Einsatz mit vielen Höhen und Tiefen, im Endeffekt sehr bezeichnend für die Situation in Afghanistan. Eigentlich mittlerweile ein Routineeinsatz, aber eben doch nicht. Die Erfahrungen, die wir vor Ort machen dürfen, werden für uns niemals alltäglich werden.
Auf dem Rückweg gab es einen kurzen Zwischenstopp in Dubai. Dort, am Rande der Arab Health, einer der größten Messen in der Gesundheitswirtschaft weltweit, hatten wir die Möglichkeit, mit einigen potentiellen Sponsoren zu sprechen, denn unsere Arbeit in Afghanistan ist auf finanzielle Unterstützung durch Spenden und Sponsoring angewiesen. Der Kontrast zu den Tagen in Kabul hätte härter nicht sein können. Dubai, eine Stadt, in der Geld keine Rolle spielt und Luxus zum Alltag gehört. Leider haben wir noch keine konkreten Zusagen erhalten, aber wir nutzten die Chance, unsere Arbeit dort zu präsentieren. Es wird sich zeigen, was sich daraus ergeben wird.
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