Leben retten, Wissen weitergeben3

Vom 15. bis 22. Juli haben Dr. med. Matthias Angrés und Jamal Said, Pharmazeut aus Hamburg, erneut einen medizinischen Einsatz im französischen Kinderkrankenhaus „FMIC“ Kabul geleistet.

 

Dr. Angrés fasst zusammen:

 

Wie immer ging die Reise mit Lufthansa von Hamburg über Frankfurt nach Dubai und von dort mit der afghanischen Fluggesellschaft KamAir weiter nach Kabul. Die Kontraste zwischen dem reichen Dubai und der Realität des geschundenen Afghanistans können nicht stärker sein. Bei jedem Flug beschäftigten uns diese Eindrücke sehr.

 

Dieses mal kam Jamal Said, Pharmazeut aus Hamburg und Mitglied unseres Medical Boards, mit mir nach Kabul. Schon im Vorfeld gelang es ihm von verschiedenen deutschen Pharmaunternehmen Antibiotika und Röntgenkontrastmittel, teure Medikamente die das Budget des FMIC belasten, als Sachspenden zu akquirieren. Hierfür bedanken wir uns sehr herzlich bei den Firmen Guerbert, Stada Pharma sowie Meda Pharma. Es ist immer wieder eindrucksvoll zu erfahren, wie groß das humanitäre Engagement vieler Unternehmen ist. Auch Herrn Said danke ich sehr herzlich für diesen außergewöhnlichen Einsatz. Er wird sich nun zukünftig zusammen mit der Apothekenleitung vor Ort für die weitere Optimierung der Versorgungslogistik des FMIC einsetzen. Die Medikamente wurden im Vorfeld unseres Einsatzes per Luftfracht nach Kabul gebracht und wir sind froh, dass auch dies ohne allzu große Probleme funktioniert hat.

 

Im FMIC stand dieses mal neben der medizinischen Arbeit das sog. „POC – Meeting“ im Vordergrund unseres Aufenthaltes. Dieses „Provisional Operating Committee“ ist das höchste Entscheidungsgremium in der Führung des FMIC. Alle beteiligten Partner (unsere Kollegen von „La chaîne de l´espoir“, die Aga Khan Development Network sowie die französische und afghanische Regierung) sind in diesem Managementboard vertreten. Es findet alle 4 Monate statt. Seitens RobinAid waren wir erstmals offiziell zu diesem Meeting eingeladen. So war es eine äußerst wichtige und interessante Prämiere und trug dazu bei, die Partnerschaft zwischen den bisherigen Partnern des FMIC und RobinAid zu festigen.

 

Die wesentlichen Themen des POC – Meetings waren neben medizinischen und finanziellen Reports über die Entwicklung des ersten Halbjahres des FMIC, vor allem die Vorbereitung der inhaltlichen und finanziellen Planungen für das nächste Jahr sowie die Vorbereitungen für den 2. Bauabschnitt des FMIC, der Mutter-Kind-Klinik, mit der zu Beginn des nächsten Jahres begonnen werden soll.

 

Lange Jahre war ich in Deutschland als leitender Arzt im Krankenhausmanagement tätig, sodass diese Erfahrungen nun auch in unserer Zusammenarbeit mit dem FMIC zum Tragen kommen. Nur selten habe ich allerdings eine so perfekt vorbereitete und effizient durchgeführte Managementsitzung erlebt. Hierfür gebührt vor allem der Leitung des POC, dem Amerikaner Lee Hilling von der Aga Khan Development Network sowie dem Generaldirektor des Aga Khan University Hospitals Karachi, Nadeem K. Mustafa Khan, besonderer Dank und Anerkennung.

 

Zeitgleich mit uns war ein französischer Anästhesist vor Ort, sodass die Arbeit im OP und auf der Intensivstation wieder in einem internationalen Team stattfand. Da es derzeit in ganz Afghanistan keine weitere Kinderintensivstation gibt auf der beatmungspflichtige Kinder adäquat versorgt werden können, kommen wir hier immer wieder an Kapazitätsgrenzen. Es sind schwere Stunden für alle Beteiligten, wenn die Beatmungsplätze belegt sind und die Aufnahme eines weiteren Kindes, das dringend einen solchen Platz benötigt, wegen mangelnder Möglichkeiten abgelehnt werden muss. Solche aber leider notwendigen Entscheidungen hinterlassen tiefe Spuren. Die Konsequenz aus diesen Erfahrungen kann nur sein, dass wir uns mit aller Kraft um den weiteren Ausbau des FMIC bemühen. Dies kostet viel Geld und so sind wir mehr denn je auf die Unterstützung von Spendern und Sponsoren, aber auch auf die Unterstützung der Regierung angewiesen.

 

Auf dem Rückweg von diesem Einsatz nahmen wir fünf Kinder mit schwersten Herzfehlern zur notwendigen operativen Versorgung mit nach Deutschland. Diese Kinder wurden (wie immer) gemeinsam von dem Ärztlichen Direktor des FMIC, Dr. Alexander Leis, der Kinderkardiologin des FMIC, Frau Dr. Rahima Stanikzai sowie den zuständigen deutschen Kollegen unseres Medical Boards (in diesen Fällen Prof. Dr. Armin Wessel, Dr. Thomas Breymann, Prof. Dr. Sven Dittrich sowie Prof. Dr. Robert Cesnjevar) ausschließlich nach medizinischer Dringlichkeit und Dauer der Wartezeit ausgesucht.

 

Wir bedanken sehr herzlich bei unseren Kollegen der Medizinischen Hochschule Hannover und dem Universitätsklinikum Erlangen, die diese Kinder nun in den nächsten Wochen versorgen werden. Selbstverständlich müssen diese sehr aufwendigen und teuren Operationen finanziert werden und so sind wir auf die tatkräftige Unterstützung vieler Spender und Sponsoren angewiesen.


Es handelt sich um sehr komplexe Fälle, die wir bisher nicht im FMIC vor Ort operieren können, entweder aus technischen Gründen oder wegen mangelnder Operationskapazität. Den derzeit jährlich im FMIC durchgeführten ca. 300 Kinderherzoperationen stehen aktuell mehr als 3.000 Kinder auf der Warteliste gegenüber. So ist es leider weiter unabdingbar, dass wir Kinder zu lebensrettenden Herzoperationen nach Deutschland bringen müssen.


Dank der engen Zusammenarbeit mit der afghanischen Fluggesellschaft KamAir, der Unterstützung durch das Dubai Airport Medical Center und, vor allem, der phantastischen Organisation und dem perfekten Service der Deutschen Lufthansa, die uns immer in jeder Situation hilfreich zur Seite steht, sind diese medizinisch oft sehr aufwendigen Flüge gut zu bewältigen. Auch dieses mal gab es keine Komplikationen und wir bedanken uns bei allen genannten Partnern, insbesondere bei unserem Kollegen von der Lufthansa in Dubai, Dr. Christian Heidenreich, für die tolle Arbeit und ihren großen persönlichen Einsatz.


Während der Zeit des Aufenthaltes (bis etwa Mitte Oktober diesen Jahres) leben die Kinder in ausgewählten Gastfamilien, betreut von unserer Sozialarbeiterin Frau Sandra van de Loo. Alle Gastfamilien werden nach den gleichen Gesichtspunkten ausgesucht wie deutsche Pflegefamilien, müssen uns ein Führungszeugnis vorlegen und beim zuständigen Jugendamt eine Pflegeerlaubnis beantragen. Den engen Kontakt zu den leiblichen Familien halten wir mittels Dolmetscher und die Kinder können regelmäßig zu hause anrufen. Dennoch ist dies eine schwere Zeit für die kleinen Patienten im Alter von 4 – 12 Jahren, soweit entfernt von ihrem Zuhause eine schwere Operation durchstehen zu müssen. So sind wir sehr froh, das wir liebevolle Familien gefunden haben, die diese Kinder wie ihre eignen aufnehmen und ihnen während des zeitlich begrenzten Aufenthaltes in Deutschland das geben, was für ihre Genesung genauso wichtig ist wie gute Medizin: liebevolle Zuwendung und Geborgenheit. Frau van de Loo gilt mein besonderer Dank für ihren unermüdlichen Einsatz in der Organisation und Betreuung dieser Familien.
Bedanken möchte ich mich an dieser Stelle bei den beteiligten deutschen und afghanischen Behörden, insbesondere dem Deutschen Konsulat in Kabul und der Ausländerbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg. Wie immer hat die Zusammenarbeit zum Wohle der uns anvertrauten Kinder sehr gut funktioniert. Wir sind uns der Qualität dieser vertrauensvollen Zusammenarbeit bewusst.

 

Am Ende dieses Einsatzes, der bei Temperaturen über 40 Grad und langen arbeitsreichen Tagen in Kabul auch körperlich anstrengend war, bleibt mir nur, allen unseren Helfern, Spendern und Sponsoren nochmals ganz, ganz herzlich für ihre Unterstützung zu danken. Ohne ein so tolles Team wäre diese Arbeit nicht möglich.

 

Liebe Freunde, als letzte aktuelle Meldung dieses Berichtes kann ich Ihnen auch mitteilen, dass morgen unser afghanische Kollege Dr. Sebghatullah, der auf der Intensivstation des FMIC als Assistenzarzt arbeitet, für eine insgesamt 9-monatige Ausbildung nach Deutschland kommen wird. Die ersten drei Monate wird Dr. Sebghatullah in Göttingen am dortigen Goethe – Institut einen Deutschkurs absolvieren, um danach auf der pädiatrischen Intensivstation der Medizinischen Hochschule Hannover unter der Leitung von unserem Kollegen Prof. Armin Wessel und seinem Oberarzt Dr. Michael Sasse für 6 Monate an einem Intensivmedizinischen Training teilzunehmen. Ich bedanke mich ganz herzlich bei unseren Hannoveraner Kollegen, dass sie diese Ausbildung ermöglichen. Mein spezieller Dank gilt hier auch dem Medizinischen Vorstand der MHH, Herrn Dr. Tecklenburg, der dieses Projekt so toll unterstützt.

 

Mit dieser ersten Ausbildung eines afghanischen Kollegen starten wir nun auch diesen wichtigen Punkt unserer inhaltlichen Konzeption der Unterstützung des FMIC in Kabul. Intensive Vorbereitungen liegen hinter uns und die Überwindung der administrativen Hürden war auch nicht ganz einfach. Aber nun starten wir und dafür bin ich allen Beteiligten sehr dankbar.

 

Soweit die ausführlichen Infos für heute. Ich werde Sie über den medizinischen Verlauf unserer fünf Herzkinder weiter unterrichten, ebenfalls über die Hospitation unseres Kollegen Dr. Sebghatullah.

 

 
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