Leben retten, Wissen weitergebenAus aktuellem Einsatz zurück. Neben der schon routinemäßigen medizinischen Arbeit in unserem Kabuler Kinderkrankenhaus FMIC ging es dieses mal auch in die nördliche Provinz von Afghanistan.
Dr. Angrés fasst zusammen:
Nachdem ich vor wenigen Tagen wieder aus Kabul zurückgekehrt bin, möchte ich Ihnen, wie gewohnt, das Wesentliche von diesem Einsatz berichten:
Auf dem Hinflug wurde ich von Julia Kempe begleitet und drei genesende Kinder mit erfolgreich überstandenen komplexen herzchirurgischen Operationen flogen nach knapp dreimonatiger Behandlungszeit in Deutschland mit uns zurück in ihre Heimat. Die Rückkehr dieser Kinder und Übergabe an die leiblichen Eltern in unserem Kabuler Kinderkrankenhaus, dem French Medical Institute for Children (FMIC), war der erste Höhepunkt unseres Einsatzes. Es sind sehr bewegende Momente der Dankbarkeit, die uns von den Eltern entgegengebracht werden, wenn sie ihre Kinder wieder gesund in die Arme schließen. Niemals werden sie vergessen, was ihnen sowohl die Ärzte, Pflegekräfte, Dolmetscher und Betreuer in unseren Partnerkliniken Hannover (Medizinische Hochschule) und Erlangen (Universitätsklinikum) als auch die phantastischen Gasteltern, die ihre Kinder während des Aufenthaltes in Deutschland wie die eigenen aufnahmen, Gutes getan haben. Immer wieder erleben wir dabei, dass unsere Idee der „Brücke der Hoffnung“ wirklich funktioniert. Dafür sind wir sehr dankbar und alle Anstrengungen und Mühen, die hinter diesem Projekt stehen, werden in diesem Augenblick klein und unbedeutend.
Mit der Rückkehr zu ihren leiblichen Eltern ist unsere medizinische Verantwortung für diese Kinder nicht beendet. Unsere afghanische Kollegin Fr. Dr. Rahima Stanekzai, die die Abteilung für Kinderkardiologie des FMIC leitet, wird sie zukünftig regelmäßig nachuntersuchen und weiter betreuen. Dabei wird sie in engem Kontakt mit unseren deutschen Kollegen Prof. Dittrich, Prof. Armin Wessel, Prof. Cesnjevar und Dr. Breymann stehen und somit den Behandlungserfolg der Kinder nachhaltig vor Ort in Kabul sichern. Diese Integration in ein strukturiertes Nachsorgeprogramm, analog zu den in Deutschland üblichen Behandlungsstandards, ist wesentlicher Bestandteil der Qualität unserer Arbeit. Er ist nur durch die Beteiligung von RobinAid an dem Betrieb des FMIC und unser hochkarätig besetztes Medical Board möglich.
Mit Julia Kempe, die jetzt für ein halbes Jahr im FMIC auf der pädiatrischen Intensivstation als Krankenschwester arbeitet, haben wir den ersten Langzeiteinsatz einer RobinAid – Mitarbeiterin in unserem Kinderkrankenhaus in Kabul gestartet. In beeindruckender Weise nimmt sie viele persönliche Entbehrungen auf sich, um an unserem Projekt mitzuwirken. Dies verdient unseren tiefen Respekt und ich bin Julia dafür ganz besonders dankbar. Während ihres Einsatzes kommt RobinAid für alle Unkosten auf und zahlt Julia eine angemessene Aufwandsentschädigung. Nach planmäßiger Rückkehr im April 2010 wird sie ihren Arbeitsplatz im Intensivzentrum der Helios Klinik Leezen, von dem sie derzeit unbezahlt beurlaubt ist, wieder aufnehmen. An dieser Stelle möchte ich auch der Leitung dieser Klinik für die Freistellung von Julia danken. Julia unterhält unter www.julia-kabul.de ein Internet - Tagebuch, in dem sie über ihre Erlebnisse, Erfahrungen und Gedanken in Kabul regelmäßig berichtet. Wenn Sie mögen, schauen sie dort rein und informieren sich aus erster Hand über das Engagement von Julia.
Zeitgleich mit mir waren Prof. Bernard Pavy, plastischer Chirurg aus Frankreich sowie Dr. José Uroz Tristan, Kinderchirurg aus Spanien, im FMIC. Letzterer wird insgesamt drei Monate bis Ende Dezember vor Ort bleiben. So standen neben vielen Kindern mit Kiefer-Gaumen-Spalten, von Prof. Pavy operiert, auch viele große bauchchirurgische Eingriffe von Neugeborenen bis zu Jugendlichen auf dem umfangreichen OP-Programm und bedurften das ganze Anästhesiespektrum von Regionalanästhesien und Vollnarkosen. Bewundernswert ist hier die Arbeit meiner französischen Kollegin Dr. Françoise Labat. Von unserer Schwesterorganisation „La chaîne de l´espoir“ entsendet, ist sie die wesentliche Stütze der Anästhesie und Intensivmedizin des FMIC. Es ist mir eine große Freude und Ehre mit ihr zu arbeiten und sie während der Zeit meiner Aufenthalte im FMIC unterstützen zu können.
Erstmals war ich während dieses Einsatzes auch außerhalb von Kabul im Panjshir Tal unterwegs. Zusammen mit Dr. Eric Cheysson (Vizepräsident unserer französischen Schwesterorganisation „La chaîne de l´espoir“) sowie Kate Rowland (Leiterin des zum FMIC gehörenden „Afghane Children House“, eine Einrichtung in der Kinder aus den ärmsten Familien, die nicht aus Kabul kommen, während der Zeit ihrer medizinischen Behandlung im FMIC mit ihren Eltern wohnen und versorgt werden) besuchten wir etwa 120 km nördlich von Kabul in einem weit abgelegenen Seitental eine kleine Schule sowie eine Familie, deren drei Kinder wir wenige Wochen zuvor im FMIC operiert hatten. Seit dem letzten Jahr unterstützt „La chaîne“ diese Schule, die 2004 von einer kleinen Deutschen Hilfsorganisation errichtet, aber danach von dieser Organisation leider wieder verlassen wurde. Regelmäßig reist Kate Rowland in diese Provinz um den Kontakt zu halten und kümmert sich dabei nicht nur um die Unterstützung der schulischen Ausbildung, sondern auch um die Familien, deren Kinder im FMIC medizinische Hilfe benötigen. Mit diesem Projekt schließt sich der Kreis unseres Engagements in diesem Land, das neben der medizinischen Versorgung auch die Verantwortung für eine adäquate Schulausbildung unserer afghanischen Kinder umfasst. Deshalb wird sich RobinAid zukünftig auch in diesen Part einbringen und gemeinsam mit unserer französischen Schwesterorganisation den weiteren Ausbau solcher peripherer Basisstationen vorantreiben.
Die Reise ins Panjshir Tal war mit das eindrucksvollste Erlebnis dieses Einsatzes: Eine atemberaubende Landschaft, in der man an vielen Stellen die Spuren des Krieges immer noch wie Mahnmale erkennen kann, die unbeschreibliche Gastfreundschaft der Menschen, die dort unter für uns nicht vorstellbaren harten Bedingungen leben sowie der unermüdliche Einsatz von Kate Rowland, diesen Menschen beizustehen, haben mich tief bewegt und geben mir neue Kraft und Motivation für unsere Aufgaben.
Kurz vor Ende dieses Einsatzes nahmen wir einen ca. 12 jährigen Jungen mit schlimmsten Gesichtsverletzungen nach einem Verkehrsunfall in unser Kinderkrankenhaus auf. Dieser Junge lag bereits einige Zeit in einem anderen Kabuler Krankenhaus, konnte dort aber nicht sachgerecht versorgt werden und wurde deshalb von den Eltern zu uns gebracht. Angesichts des Ausmaßes der Verletzung der gesamten rechten Gesichtshälfte, war uns im Team mit Prof. Pavy, Dr. Uroz Tristan und unserem ärztlichen Direktor Dr. Leis sehr schnell klar, dass auch wir im FMIC nicht über alle notwendigen Ressourcen zur adäquaten Behandlung dieses Kindes verfügen. Nach einer Telefon- und Mailkonferenz mit unserem Kollegen Prof. Lucas Wessel von der Kinderchirurgischen Klinik des Universitätsklinikums Mannheim, für dessen Unterstützung ich mich herzlich bedanke, beschlossen wir, den Jungen zur Verlegung in die Universitätsklinik Lübeck (zu Prof. Sieg, Klinik für Gesichts- und Kieferchirurgie) vorzubereiten. Derzeit wird der Junge im FMIC stabilisiert und wir sind dabei, alle notwendigen organisatorischen und administrativen Voraussetzungen für den zeitnahen Flug nach Deutschland zu bearbeiten.
Ebenfalls auf der Warteliste zur Behandlung in Deutschland steht ein 11 jähriges Mädchen mit einem Kraniopharyngeom (großer Hirntumor). Da für solche Operationen neben einem sehr erfahrenen Kinderneurochirurgen vor allem auch eine sehr teure OP- Ausstattung (z.B. Operationsmikroskop etc.) notwendig ist, können wir solche speziellen Eingriffe derzeit noch nicht im FMIC anbieten. Hier engagieren sich derzeit unsere Mindener Fachkollegen Dr. Knappe und PD Dr. Erdlenbruch sehr und wir hoffen auch dieses Kind zeitnah im Klinikum Minden operieren zu können.
Neben den organisatorischen Herausforderungen (die alle lösbar sind) beschäftigt uns für beide Kinder die Frage der Refinanzierung der Behandlungskosten. Angesichts der Komplexität der Fälle sind diese Kosten von beträchtlicher Höhe (mehr als 40.000 €). Wir sind dabei für jede Hilfe dankbar, denn ohne eine gesicherte Finanzierung sind solche Behandlungen nicht möglich. Selbstverständlich werden wir Sie über das weitere Schicksal dieser Kinder auf dem Laufenden halten.
Herzliche Grüße aus Hamburg,
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