Dr. Mandana Chavooshzadeh

Am Abend des 22. Juli saß ich zu Hause mit gepackten Koffern und einiger Unsicherheit über den mir bevorstehenden Einsatz in Kabul. Mittags am nächsten Tag traf ich Herrn Dr. Angrés und den afghanischen Jungen Samiullah, der nach seiner Behandlung in Deutschland nach Hause konnte, am Hamburger Flughafen. Über Dubai flogen wir weiter nach Kabul. Mein erster Einsatz in der Klinik stand bevor. Der Flughafen in Kabul sah verwirrend aus und ich überlegte laut, ob wir dort unseren Weg hindurch finden würden. Dr. Angrés beruhigte mich, versicherte, dass wir es schaffen würden – er hat nun genug Erfahrung mit solchen Reisen - und dass in wenigen vergangenen Jahren sich vieles verbessert habe. Damals ging es noch zu Fuß über das Flugfeld. Auf der halbstündigen Autofahrt zum Krankenhaus fuhren wir vorbei an kriegszerstörten Häusern, an Neubauten und einigen „Hochzeitspalästen“ - offensichtlich einträgliche Einrichtungen in Kabul.
Im Krankenhaus angekommen wurden wir von dem medizinischen Leiter, Herrn Dr. Alexander Leis, der seit Bestehen des Krankenhauses dort tätig ist, begrüßt. Der nächste Tag war ein Feiertag. Am darauf folgenden Tag lernte ich die afghanische Zahnärztin Frau Dr. Nooria Alkozai und ihren Helfer Esmatullah kennen, die die zahnmedizinische Einheit im FMIC betreuen. Sie führen hauptsächlich chirurgische und konservierende Behandlungen durch. Das vorhandene Instrumentarium dieser Einheit ist einfach, aber in etwa ausreichend für diese Behandlungen. Die hygienischen Verhältnisse der Instrumente sind viel besser als Berichte aus anderen „Dritte-Welt-Länder“ suggerieren. Da im FMIC auch Herzoperationen durchgeführt werden, waren etwa ein Drittel der Patienten, die wir behandelten, Sanierungsfälle vor einem solchen großen Eingriff. Jedes Kind, das für eine Herzoperation angemeldet ist, muss vorher aus zahnmedizinischer Sicht saniert sein, denn Bakterien im Mundbereich können sich über die Blutbahnen im Körper verbreiten und sich vorzugsweise auch am Herzen ansiedeln und damit zusätzliche Komplikationen verursachen. Wird die Sanierung nicht vollständig durchgeführt, muss der OP-Termin verschoben werden. Bei Anwesenheit der zeitlich befristeten „Cardiac mission“-Teams kann es daher gelegentlich zu Zeitdruck in den Behandlungsabläufen kommen.
Aufgefallen ist mir, dass bei einem Großteil der Patienten das Basiswissen über Zahnpflege fehlt: Ein junger, männlicher Patient sagte zu Frau Dr.Alkozai, dass ihn sein Vater 'belehrte', durch das Zähneputzen würden die Zähne schwach werden. Da er aber in der einmal wöchentlich im afghanischen Fernsehen ausgestrahlten Gesundheitssendung (die vom FMIC gestaltet und vom Sender ARIANA gesendet wird) die Notwendigkeit der Zahnpflege gesehen hatte, würde er nun seine Zähne putzen.
Also wäre der Aufbau eines Prophylaxe-Programms in der Klinik gerade für Kinder und Jugendliche erstrebenswert.
Zu meinen Aufgaben während meines Aufenthalts gehörte nicht nur die Behandlung von Patienten, sondern auch die Beobachtung der Abläufe von verschiedenen Behandlungen, um etwaige Verbesserungen vorschlagen zu können. Der Einsatz ausländischer Ärzteteams bedeutet, einen Dienst gegen Krankheit und Armut zu leisten. Spezialkenntnisse können „transferiert“ werden, die gewohnten Qualitätsstandards können übertragen werden, ohne dass für Euphorie viel Platz wäre. Denn es ist noch genug „Sand im Getriebe“. Die Umstände erfordern eine realitätsnahe Wahrnehmung, aber die Perspektiven sind klar: Hilfe in allen Bereichen ist nötig: technologische Verbesserung, Ausbau der Qualifikationen und Fortbildungen, Verbesserung der hierarchischen Strukturen und Organisationsabläufe. Es stellt sich natürlich dann schnell die Frage nach der Finanzierbarkeit eines solchen Vorhabens.
Bei der Konzentration meines Blickes auf die zahnmedizinische Einheit der Klinik konnte ich nicht vergessen, dass außerhalb dieses relativ geschützten Klinik-Gebiets Krieg herrscht, der in die Arbeit und Klinikabläufe sowie private Zeit hinein wirkt. Ich befand mich wie alle anderen in einem Ausnahmezustand durch Sicherheitsvorschriften und eine permanente Einschränkung im öffentlichen Leben. Ich war Herrn Dr. Angrés ebenso dankbar für seine einführende Betreuung in die Klinik wie Herrn Dr. Leis für seine Führung zu Kabuls Sehenswürdigkeiten. Ich habe das Klima in der Klinik als kollegial und anregend empfunden, was mich dazu veranlasst, anderen Kollegen solche Einsätze zu empfehlen. Abgesehen von der Möglichkeit, vor Ort Hilfe zu leisten, ist bei der Rückkehr der Blick für die gewohnten eigenen Verhältnisse erheblich geschärft.
Neben den vielen Eindrücken, ob innerhalb der Klinik oder außerhalb in der „geschundenen“ Stadt Kabul, bleiben besonders die Kinder dort in meiner Erinnerung, zum Beispiel der kleine Samiullah, der nach Operationen und Betreuung in Deutschland mit uns zurück nach Kabul flog. Ich denke an seine wachen Augen mit seiner mehrmals auf der ganzen Reise ab Hamburg gestellten Frage: „Wann sind wir da?“.Oder an den kleinen zarten Abbas, den wir „im Schnelldurchgang“ fünf Milchzähne ziehen und vier Füllungen machen mussten und der solche Angst hatte und doch so tapfer war. Die Belastungen meines ersten Einsatzes für RobinAid werden vermutlich verblassen, aber die Anregungen und Erfahrungen werden hilfreich bleiben und laden zu einer möglichen Wiederholung eines solchen Einsatzes ein.
Zurück